Rundgang C: Kleidung und Nacktheit in der Antike

Wie lässt sich die soziale Dimension des Bekleidens, Ausziehens und Nacktseins fassen? Was bedeutet es, nackt zu sein? Die Antwort hängt davon ab, wer man ist und in welcher Situation man sich befindet.

C5 Entsexualisierte weibliche Nacktheit

[IKA, Photo: Kristina Klein]

Inv.-Nr. 832d

Friesplatte vom sog. Maussolleion mit der Darstellung einer Amazonomachie

London, British Museum 1857,1220.269
um 350 v. Chr.

Sowohl in der griechisch-römischen Welt als auch in unserer eigenen Gegenwart sind Darstellungen weiblicher Nacktheit oftmals sexualisiert (siehe etwa die Kauernde Aphrodite im oberen Bereich der Sammlung, die ebenfalls Teil dieser Tour ist). Dieser Abguss steht nun für ein Beispiel, in dem das Gegenteil gilt: Weibliche Nacktheit ist hier völlig entsexualisiert.

Der Abguss gibt einen Teil des Relieffrieses vom sog. Maussolleion in Halikarnassos wieder, der eine Schlacht zwischen männlichen Kriegern und Amazonen zeigt. Während die Soldaten mehrheitlich nackt sind, geben sich die Amazonen spärlich bekleidet. Ihre leichte Kleidung rutscht oftmals ganz vom Körper und enthüllt die Brüste und Gesäße. Die Körper der Amazonen werden so zur Schau gestellt, aber nicht mit der Absicht, sexuelle Erregung zu wecken. Vielmehr handelt es sich um starke, muskulöse Körper im Kampf – von Kriegern, die nun aber weiblich sind.

Amazonen nehmen in der griechischen Vorstellungs- und Bilderwelt einen besonderen Platz ein. Weibliche Kriegerinnen verkörpern fremdartige gesellschaftliche Zustände, die entscheidend mit jenen der griechischen Welt kontrastieren. Amazonen dienten somit häufig dazu, das Andere und Fremde zu verkörpern. So begegnen Darstellungen von Amazonen häufig in der Bauplastik von Tempeln, in der der Kampf zwischen männlichen und weiblichen Kriegern für den Kampf zwischen Zivilisation und Chaos steht. Ein weiteres Beispiel solcher Kampfdarstellungen, die als „Amazonomachie“ bezeichnet werden, ist auf den Reliefs auf der gegenüberliegenden Wand des Saals zu sehen, die vom Apollontempel in Bassai stammen.

Das Maussolleion von Halikarnassos im Südwesten der heutigen Türkei war allerdings kein griechischer Tempel, sondern das Grabmonument eines Dynasten namens Maussolos. Während der Bau viele griechische Vorbilder widerspiegelt, vor allem in der monumentalen Architektur, stellte Maussolos auch seine Identität als Karier dar – eine einheimische Bevölkerung im Westen Anatoliens, deren Gebiet an die griechischen Küstenstädte angrenzte. Die Bedeutung der Amazonen in diesem kulturellen Kontext ist etwas komplexer. Mehrere anatolische Städte behaupteten, in der mythischen, vorgriechischen Vergangenheit von Amazonen gegründet worden zu sein. Diese heroische Darstellung der Amazonen auf dem Maussolleion in Halikarnassos deutet diese Vorstellung für die Karer an – Amazonen waren somit nicht nur Metaphern für Chaos und Barbarei.